Empathie stärken, auf Kompetenzen vertrauen

Gemeinsames Projekt von Hospiz St. Martin und fünf Stuttgarter Pflegeeinrichtungen zur Versorgung und Begleitung von Menschen in der letzten Lebensphase

Sterbende Menschen und deren Angehörige während ihrer letzten Lebensphase zu begleiten bedeutet eine große Aufgabe für alle Mitarbeitenden in Altenpflegeeinrichtungen. Und wenn die Zeitspannen des letzten Lebensabschnitts, den die Bewohner in den Einrichtungen verbringen, zunehmend kürzer werden und gleichzeitig die Anzahl sterbender Patienten in den Heimen steigt, wachsen die Herausforderungen für die Pflegekräfte noch.

Diese Tendenz hat das Hospiz St. Martin aufgegriffen und vor einem Jahr mit Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung das Projekt „Palliative Care durch Kooperation vertiefen“ ins Leben gerufen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus fünf Stuttgarter Pflegeeinrichtungen, darunter Sozialarbeiter genauso wie Pflegefachkräfte oder Pflegehelferinnen, sind im Umgang mit Menschen, die kurz vor dem Ende ihres Lebens stehen, geschult worden und in intensiven Erfahrungsaustausch getreten. Im Rahmen des Projekts hat sich jede Einrichtung ein kleines Thema aus dem thematischen Großbereich Palliative Care gewählt, das im jeweiligen Haus weiterentwickelt worden ist, und eine Projektgruppe gebildet. Deren Aufgabe ist es, das Erarbeitete auch über das Projektende hinweg in den alltäglichen Abläufen im Haus zu verankern.

Über diesen einheitlichen Teil hinaus ist jede Einrichtung anders vorgegangen: Eines der teilnehmenden Häuser hat sich beispielsweise in Form von Schulungen intensiv mit dem Thema Essen und Trinken in der letzten Lebensphase auseinandergesetzt, ein anderes hat Leitsätze für die Begleitung von Angehörigen dementer Bewohner entwickelt, eine weitere Einrichtung hat ethische Leitsätze für die Ernährungs- und Flüssigkeitszufuhr in der letzten Lebensphase entwickelt. Instrumente wie Leitsätze und Leitlinien sind aber keine Standards, sondern Orientierungshilfen dafür, dass in jeder individuellen Situation auch individuell angepasst gehandelt werden kann.

Die Leitsätze kommen nun in den Einrichtungen immer wieder zum Einsatz, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Sterbeprozess ihrer Patienten von Zweifeln oder Unbehagen betroffen sind. Im Umgang mit sterbenden Menschen, wo Fragestellungen über alle medizinische und fachliche Kompetenz hinausragen und Gewissenskonflikte drohen, tut diese Möglichkeit der Selbstvergewisserung gut.

Im Austausch im Team sind ähnliche Fragestellungen immer wieder aufgetreten. Das konkrete Ansprechen der Erfahrungen sowie der vertiefende Blick auf die Problematik haben den Projektteilnehmern zu einem größeren Vertrauen in die eigenen Empathie und Kompetenz verholfen. „Ich habe mir ein selbstbestimmteres Urteil über meine Handlungsmöglichkeiten erarbeitet und habe nun weniger das Gefühl, in diesen schwierigen und sehr individuellen Situationen immer nach Schema F handeln zu müssen“, resümiert eine Teilnehmerin bei der Abschlussveranstaltung im Haus der Katholischen Kirche im Februar.

„Nach dem Projektjahr können wir sagen, das eine Aufbruchsstimmung spürbar ist“, zieht Annegret Burger ihr Fazit, die dem Projekt als Leiterin im Bereich Ambulante Sterbebegleitung im Hospiz St. Martin vorgestanden hat. „Wir sehen eine echte Schubwirkung – und freuen uns sehr, dass sich die Projektgruppen entschlossen haben, die Zusammenarbeit und des Austausch aus eigener Initiative fortzusetzen. Als Team einen Schritt weiterzugehen, das ist der wesentliche Gewinn aus dem Projekt.“

Hintergrund:

An dem Projekt „Palliative Care durch Kooperation vertiefen“ haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses Adam Müller-Guttenbrunn, der Karl-Olga Altenpflege, des Senionenzentrums Schönberg sowie der Hauses Nikolaus Cusanus und des Anna Haag Mehrgenerationenhauses teilgenommen. Die wissenschaftliche Begleitung erfolgte durch Prof. Dr. Annette Riedel von der Fakultät Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen. Die Robert-Bosch-Stiftung hat das Projekt mit einer Förderung von 23 000 Euro unterstützt.

Unter dem Oberbegriff „Palliative Care“ für alle Bereiche der Versorgung unheilbar Schwerkranker und Sterbender, beispielsweise durch die Palliativmedizin und -pflege sowie die Hospizarbeit, versteht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Ansatz, die Lebensqualität von Patienten und deren Familien, die mit Problemen konfrontiert sind, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung einhergehen, zu verbessern.

(Katholisches Stadtdekanat Stuttgart, 26.02.2014)